Zur Buchbeschreibung: Sonderfall ade
Auszug aus dem Interview mit Peter Bichsel
"Wollt ihr die totale Schweiz?" Vorwort zum Buch Sonderfall ade
Herr Bichsel, Sie äussern sich seit langem immer wieder zu politischen Fragen im Land. Haben sich diese für Sie im Verlaufe der Zeit geändert, oder sind es im Kern dieselben geblieben? Und stellen Sie in der Argumentation bzw. in der Sache einen Unterschied fest zwischen Ihrer Generation und derjenigen jüngerer Kulturschaffender?
Peter Bichsel: Diese Frage könnten Sie genau so an Gottfried Keller stellen. Er würde, zurückgekehrt, die Probleme unseres Landes sehr schnell erkennen und wiedererkennen. Und er wäre wohl entsetzt, dass sein Entsetzen das gleiche wäre. Ich erinnere mich, dass ich, als ich 1968 "Des Schweizers Schweiz" schrieb, absolut überzeugt war, dass der kleine Essay schon in 20 Jahren nicht mehr verstanden werden konnte. Nicht etwa, weil ich glaubte, dass mein Büchlein Welt verändern könnte, sondern weil ich überzeugt war, dass die Welt im Aufbruch und Umbruch sei.
Gerade Kulturschaffende sprechen immer wieder von geistiger Enge; es gab und gibt immer wieder Künstler, die aus diesem Grund ins Ausland gehen. Sie dagegen sind geblieben. Warum ist die Schweiz für Sie so inspirierend?
Ich halte nicht viel von dieser freiwilligen Emigration. Dieses "Seht, seht – ich habe es zu Hause nicht ausgehalten." Es ist auch eigenartig, wie schnell die Leute ihre Dichter sozusagen aufs Exil verpflichten wollen. Max Frisch lebte längere Zeit in Rom, weil es ihm dort gefiel. Die Leute aber wollten dies als Exil sehen, als Demonstration.
Ich war auch immer wieder für längere Zeit weg: Amerika, Deutschland. Ich hatte auch mal im Kopf, mir etwas zu suchen in New York. Aber ich bin ein Gewohnheitsmensch. Hier bin ich es gewohnt, hier wohne ich. Ich habe mich nicht für die Schweiz entschieden. Ich bin hier. Und das mit der geistigen Enge – selbstverständlich habe ich mich auch schon melancholisch darüber beklagt. Aber vielleicht habe ich einen engen Beruf gewählt. Schriftsteller, "freie" Schriftsteller, sperren sich auch in ihre Sprache ein. Ich habe mich in meine Sprachsituation eingesperrt, vielleicht könnte ich nicht einmal in einer Gegend schreiben, wo nur Neuhochdeutsch gesprochen wird. Es gibt unter den unfreiwillig emigrierten Autoren drei Gruppen: Die einen haben weiter geschrieben in ihrer Sprache, die anderen haben angefangen in der Sprache ihres Gastlandes zu schreiben, und die dritten sind verstummt. Ich fürchte, ich würde zur dritten Gruppe gehören.
Wie freiwillig oder unfreiwillig das alles ist, das ist wohl nur für Einzelfälle – und auch dort schwer – abzuklären. Nehmen wir an, einer (zum Beispiel ich) habe sich freiwillig eingesperrt: Auch dieser eine (z.B. ich) wird ab und zu über sein Gefängnis nicht froh sein. Ich bin dort zu Hause, wo ich meinen Ärger habe. Nichts fällt mir schwerer, als Tourist sein zu müssen.
An vielen Schulen sind Ihre Texte inzwischen Pflichtlektüre geworden. In gewisser Weise sind Sie so unfreiwillig zu einer Art "Vorzeige-Schweizer" geworden. Fühlen Sie sich wohl in dieser Ihnen zugewiesenen Rolle?
Meine ersten Texte zur Politik erschienen vor mehr als dreissig Jahren, und nur um diese handelt es sich. Sie erschienen in einem anderen politischen Klima, im Klima der Auseinandersetzung. Zwar wurde ich auch damals deswegen beschimpft und bedroht. Schon bald aber wurde "Des Schweizers Schweiz" an Jungbürger verteilt mit dem Hinweis: "Seht, so frei sind wir – auch das darf man bei uns sagen." Die damalige Gesellschaft vertrug es wohl auch schlechter, wenn jemand nicht dazugehörte. Also suchte sie für die Schwierigen einen Platz. Der eine wurde zum Dorforiginal, der andere zum Hofnarr. Es stimmt, mir wurde eine Rolle zugewiesen. Wer mich kennt, der weiss, dass ich sie nie angenommen habe. Ich mag Macht nicht. Und ich mag die Macht auch nicht ausüben, auch die Macht des Hofnarren nicht. Ich fühle mich nicht in einer Rolle. Und ich hoffe, dass "politisch-interessierter-Bürger" nicht eine Rolle ist.
Lassen Sie uns zum Schluss ganz direkt fragen: Warum verdient es die Schweiz, weiterzuexistieren?
Die Frage ist sehr berechtigt. Nicht ich habe sie zu beantworten, sondern der politische Weg der Schweiz in den nächsten Jahren, der wesentlich mehr sein muss als Deklarationen und Imagepflege. Auch mir fällt es schwer, einen möglichen Untergang der Schweiz nicht als Weltuntergang zu sehen. Nur die Vernunft macht mich darauf aufmerksam, dass die Welt grösser ist. Sicher ist, dass das staatsfeindliche "Wollt ihr die totale Schweiz?" nicht die Lösung ist. Das Experiment Schweiz ist erst 150 Jahre alt, und es ist bereits in die fatale Situation geraten, kein Experiment mehr zu sein.